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  4. Interview Mit Maxime Büchi

Sang Bleu

Die Haut als geheimer Garten. Die Tätowierung ist die Schrift oder das Wort. Ein Werkzeug und ein Medium der Kommunikation.

In den Studios des Lausanner Tätowierers Maxime Büchi geben sich Popstars wie Kanye West und CEOs die Klinke in die Hand. Büchi hat das Genre vom Ruch der Unterwelt befreit. Sein von der traditionellen europäischen Ikonografie beeinflusster Stil kommt besonders gut auch in Finanzstädten wie London und Zürich an, wo unter manchem Massanzug ein Hautgemälde die wahre und individuelle Seite der Persönlichkeit ausdrückt.

Maxime Büchi (39) aus Lausanne, absolvierte an der ECAL eine Kunstausbildung und hat später Psychologie studiert.


Weshalb haben Sie Ihr Studio «Sang Bleu» (blaues Blut) getauft?

Ursprünglich kommt der Name von einem gleichnamigen Magazin, mit dem 2005 alles angefangen hat. Ich präsentierte darin Dinge, die es verdient hatten, als nobel betrachtet zu werden. Darunter auch Tattoos. Ich liess im Magazin Kunst, Mode, Literatur und Tattoos miteinander in Dialog treten. Es war meine Art, Vorurteile zurückzuweisen, die Tätowierungen und andere Teile der Populärkultur als hässlich betrachteten, während die schönen Künste und die Mode als nobel galten. Ich bin immer davon ausgegangen, dass jede Disziplin gute und schlechte Seiten hat, und ich wollte immer nur die guten zeigen. Und dann gibt es noch das Wortspiel mit Tinte und Blut, die beide zum Tätowieren gehören.


Was fällt Ihnen zur Farbe Blau ein?

Nichts Spezielles. Ich bin eher ein Formen- als ein Farbenmensch.


Welche Tätowierschule inspiriert Sie?

Eigentlich jede. Aber ich ziehe den Begriff «Stil» dem Wort «Schule» vor, da es im Tätowierhandwerk keine strukturierten Institutionen gibt. Ich finde Ideen in der Nähe und in der Ferne. In Japan für die Kompositionen der Sujets, in den traditionellen Old-School-Tätowierungen für Themen und ihre Geschichte, in Tribal-Tattoos für den Gebrauch des Körpers, in realistischen Motiven für die Technik usw.


Welche Rolle nimmt Asien bzw. das Zusammentreffen von Osten und Westen in Ihrer Arbeit ein?

Im Vergleich zu anderen Tätowierern ist meine Arbeit weniger von Asien inspiriert. Ich habe mir die Freiheit genommen, meinen Stil in der traditionellen europäischen Ikonografie zu verankern.


Was war Ihr erstes und was ist Ihr nächstes Tattoo?

Ich fing mit meinem Rücken und meinen Armen an. Es hat drei Jahre gedauert, bis es fertig war. Ein nächstes Tattoo wird es nicht geben, da ich keinen Platz mehr habe auf meinem Körper.


Was ist die Haut für Sie auch noch neben der Leinwand für Ihre Kunst?

Für mich ist Tätowieren keine Kunst. Es ist auch nicht meine Kunst. Es ist die Kunst von jemand anderem. Es ist eine geteilte Kunst zwischen dem Tätowierten und mir oder sogar nur die Kunst des Tätowierten. Für mich sind Tätowierungen ein Ausdruck der tätowierten Person, ich bin nur der Katalysator. Die Haut ist der sichtbare Teil des Individuums und der sichtbare Ausdruck seiner Persönlichkeit. Das Tätowieren ist ein Werkzeug, das man zur Verfügung hat, um diese auszudrücken.

Pflegen Sie Ihre Haut nach einem bestimmten Ritual?

Gar nicht. Ich habe das Glück, dass meine Haut nicht den geringsten Unterhalt braucht.


Sie haben Psychologie und Kunst studiert. Was wollen die Leute mit einer Tätowierung ausdrücken?

Sie können alles damit ausdrücken, was sie wollen. Die Tätowierung ist wie die Schrift oder das Wort. Ein Werkzeug und ein Medium.

Sie betreiben Tattoo-Studios in London und in Zürich. Sind die Tattoo-Stile Ihrer Kunden verschieden in den beiden Städten?

Der Unterschied liegt weniger beim Stil als viel mehr bei der Annäherung daran, was ein Tattoo ist. In England gibt es unter anderem die Tradition der Marine-Tattoos. Dort wird Tätowieren immer noch allgemein als Populärkultur mit einer reichen und starken Identität angeschaut, es wird aber auch stigmatisiert von den höheren Schichten. Diese Wahrnehmung dünkt uns hier eigenartig, aber ich garantiere Ihnen, dass sie in England ganz aktuell ist. Im Gegenzug gab es in der Schweiz vor den 80er-Jahren praktisch keine Tradition des Tätowierens. Deshalb sind die Voraussetzungen hier viel offener, man ist bereit, Tattoos als angewandte Kunst wie eine andere anzuschauen. Ich glaube, in der Schweiz kommt die Mehrheit aller Tätowierer unter 40 von der Kunstschule. Daraus entsteht eine ganz andere Grundlage.

Welche Motive sind in der Schweiz gefragt?

Dazu kann ich mich nicht äussern. Aber weltweit ist mein Stil oft inspiriert von mittelalterlichen Gravuren und spricht die Leute in England noch mehr an als in den USA. Das ergibt auch Sinn. Was ich hingegen sagen kann, ist, dass die Schweizer sich viel mehr Zeit nehmen, um sich für ein Tattoo zu entscheiden, und sie sich dann leichter die zeitlichen und finanziellen Mittel erlauben, um sich die besten Tätowierer zu leisten.


London und Zürich sind Finanz- und Bankenstädte. Ist es ein Zufall, dass Sie sich an diesen Orten niedergelassen haben? Wie erklären Sie den Erfolg in diesen beiden Städten? Anzug und Tattoo schliessen sich nicht mehr aus?

Kürzlich habe ich in London den Kreativchef einer sehr renommierten Schweizer Uhrenmarke getroffen. Ein Mann in den 60ern. Als er hereinkam, sagte er zu mir: «Ich kenne Sie gut, ich bin Sang Bleu seit Jahren! Ich muss Ihnen etwas zeigen.» Wir rollen die Ärmel hoch, und seine Arme sind komplett tätowiert – von jemandem, den ich sehr gut kenne. Ich habe Dutzende solcher Anekdoten von beiden Seiten des Ärmelkanals. Ich denke, Tattoos werden oft von Leuten getragen, die ihre Individualität nicht mit Kleidern ausdrücken können. Ihre Haut ist ihr geheimer Garten, in dem sie machen können, was sie wollen. Zudem haben Leute aus der Finanzwelt ja meistens auch die Mittel und den Geschmack, um sich die besten Tätowierer zu leisten. Was nicht das Schlechteste ist.


Sie haben Kooperationen mit Luxushäusern wie Hublot. Steckt da der Wunsch dahinter, das Tätowieren von seinem Untergrund-Image zu befreien?

Ja, sicher. Aber die Tätowierungen haben nicht auf mich gewartet, um sich zu befreien. Dieser Prozess hat in den 80er-Jahren angefangen und dauert an. Auf Grund meines Werdegangs und meiner Praxis befinde ich mich im Scharnier von künstlerischem Anspruch und Geschäftsmodell. Ich muss aber auch sagen, dass meine Zusammenarbeit mit Hublot mehr noch auf persönlichem Interesse für die Uhrmacherei fusst.


In Kürze noch dies: Lederjacke oder Anzug? Tätowierungen!

Blau oder Schwarz? Schwarz!

Haute Horlogerie oder Haute Couture? Uhrmacherei!

Kunst oder Mode? Wissenschaft!