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FOODSCOUT RICHARD KÄGI

Italia, Ti amo!

von Foodscout Richard Kägi | 10. Juni 2017

Ich blinzle, das Smaragdgrün des Wassers unter mir strahlt mit dem wolkenlosen Himmel um die Wette, am Horizont vereint er sich mit dem Meer in unendlich vielen Blautönen. Leise gluckern die Wellen unter der Holzterrasse, worauf mein akurat gedecktes Tischlein hingestellt ist. Gluckern tut es auch im Glas, wenn der Cameriere mir von dem herrlich erfrischenden Falanghino nachschenkt. Was er öfters tun muss. Er fasst sich alle paar Minuten in den Schritt, che fortuna, noch alles da, was den wahren Mann ausmacht und stellt ein Glas vor mich hin, darin klirren Eiswürfel, sie kühlen frisch aufgeschnittene, rohe Gemüse.

Auf der anderen Seite des kleinen Büchtleins parken einige Wohnmobile, aus einem davon versucht sich gerade eine unglaublich dicke Frau durch die schmale Türe zu quetschen, hinter ihr ein Mann, der schiebt und drückt. Die Hitze liegt flirrend über dem Meer. Die groteske Situation lässt mich an einen Fellini Film denken, ich schaue genauer hin. Irgendwie schafft es die Dame nach draussen, sie wackelt in ihrem blauen Badeanzug hinunter zum Strand und watet ins kristallklare Wasser. Ich meine den Meeresspiegel um einige Zentmeter ansteigen zu sehen, aber vielleicht ist das auch die Wirkung des Weins.

Ich beisse in einen Streifen gelb-rote Karotte und bin wie elektrisiert. Was für ein Geschmack! Diese Süsse! Und gleichzeitig ein Hauch von erdiger, würziger Salzigkeit! Sofort rufe ich den Titolare, er bewacht die Kasse. „Oh, sie delektieren sich da an einer Carota di Polignano a Mare, vom Nachbardorf, mit DOP und Presidio Slow Food Status“! Sofort recherchiere ich und schicke ein Foto des Rüebli unserer Gemüse-Einkäuferin. Tja, auch so werde ich fündig, auf der nie endenden Jagd nach dem Guten. Meistens mir mehr Aufwand, seltener in einem zugegebenermassen angenehmen Kontext wie jetzt.

Teller um Teller wird nun aufgetragen, gefüllt damit, was die Fischer frühmorgens aus ihren Netzen wickelten und vom Meeresgrund aufklaubten. Alles roh, Crudi di Mare. Seeigel, die roten Gallipoli-Gamberi, Tagliatelle vom rohen Tintenfisch, so frisch und fest im Biss, sie knacken kaum hörbar zwischen den Zähnen. Cozze, Vongole, vor Minuten geöffnet, sie zucken noch und warten darauf, von mir verschlungen zu werden. Aus den Augenwinkeln bemerke ich die Frau von vorhin, mühsam walzt sie aus dem Wasser. Ich denke an einen Blauwal  und lasse einen rohen Gambero im Mund schmelzen.

Lange ist es her, seit meiner letzten Reise nach Apulien. Viel hat sich nicht verändert, zum Glück. Der Tourismus entdeckt gerade erst die karge Schönheit der südöstlichsten Ecke Italiens. Reisen gehört zu meiner Arbeit wie der Korken in die Weinflasche. Dafür packe ich noch immer gerne meine Koffer, auch nach all den Globus Jahren. Den Neidern aber sei gesagt, immer sind Missionen zu erfüllen. Liefere ich keine Ergebnisse, der Spesenhahn wäre längst schon eingerostet. Jetzt bin ich zwar ferienhalber hier, komplett von Arbeit trennen lässt sich das aber nicht. Ein Reiseziel, erreichbar mit wenig Aufwand und mit garantiert gutem Essen und Sonne? Ausser Süditalien kam mir da nichts in den Sinn. Und da war auch noch diese Zürcher Familie, die Olivenöl produziert hier, da war ein Entscheid rasch gefällt. Überhaupt, Italien. Kein Land bereise ich öfters und lieber. Noch ist nicht alles entdeckt, der kulinarische Schatz an Zutaten und Rezepten scheint unerschöpflich, unsere Kunden warten nur darauf. Das Olivenöl, weswegen ich auch hierher kam, degustierte ich vor einigen Monaten, mit wenig Erwartungen. Apulien, das fast 60% des gesamten, in Italien gepressten Öls beisteuert, gilt gemeinhin nicht als Wiege aussergewöhnlicher Qualitäten. Doch dieses zählte unbestritten zum Besten, was mir seit Jahren auf die Zunge kam. Klar, dass ich mir so einen Betrieb auch aus der Nähe anschaue, bevor das Öl dann im Regal steht.

Der Baumflüsterer hört sich an, was der 2000 Jahre alte Olivenbaum zu erzählen hat.

Ich drehe die letzten Linguine auf die Gabel, sie durften sich zuvor in der Pfanne mit einem Sugo aus Datterini-Tomaten, frischen Zucchiniblüten und Scampi vollsaugen, bevor sie meinem hier nie endend wollenden Appetit zum Opfer fielen. Es ist zum in den Teller weinen gut. Ermattet lehne ich mich zurück und schaue aufs Wasser. Che dolce Vita! Der Blauwal liegt im Sand wie gestrandet, ich rufe nach der Rechnung. „Schento-wenti“! Die Antwort kommt prompt, in diesem schluddrig hingemurmelten Italienisch und natürlich ohne Scontrino, ohne Quittung. Ich schliesse die Augen und versuche mir die Anzahl Sugis vorzustellen, die in dieser Sekunde auf Italiens Herde ihrer Vollendung entgegenköcheln. Ein Gedanke, der einfach nur glücklich macht. Italia, ti amo!


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